'SIMORGH'

SIMORGH © Oppel


Klanginstallation 2011, Spitäle Würzburg
Lautsprecher, Kabel, Kreide, Audioanlage

Text: Gerda Enk, Sprache: Martina Zinner, Lorenz Kabas, Matthias Ohner, Clara Oppel, Solaleh Habib Aamin.

Simorgh - Klanginstallation als Parabel für Unterwegssein und Suchen. Wegbegleiter sind Bloch und Farid Uddin Attar auf der, im ständigen Prozess sich wandelnden Erkenntnisreise. Das primäre Medium besteht aus Texten und Tönen, die über die Lautsprecherinseln zu erfahren sind.

 

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Einführende Worte zur Eröffnung der Ausstellung SIMORGH Johannes Engels In dem Moment, in dem der Klang einsetzt, beginnt das vertikale Moment der Installation „Simorgh“ und damit ihre Raumerschließung in alle Richtungen. Wir sehen die Lautsprecher am Boden, wir hören aufsteigende, uns umgebende Klänge – Klänge einer Text- und Sprachpartitur, die sich auf vier Ebenen entfaltet und in eine fünfte emporsteigt. Der Klang soll allerdings Sinn ergeben: Klangsinn, Klangsinnlichkeit – im Falle „Simorgh“ durch Sprachklang, Klangsprache, aber auch durch geistiges Aufnehmen, durch geistige Verarbeitung der Sprache, die erst damit verstanden werden kann und dadurch einen Sinn ergibt. Was wird aufgenommen, gehört, wird zugehört oder hingehört, was wird davon begriffen? Ein äußerst vielschichtiger und komplexer Prozess, den die beiden Künstlerinnen hör- und erlebbar zu machen versuchen. Die Textidee entstammt im Kern den „Vogelgesprächen“, einem bedeutenden Werk der islamischen Mystik – dem Sufismus. Der Verfasser war Fariduddin Attar.
Gerda Enk hat ihn paraphrasiert, mit anderen Philosophien verwoben und ihre eigenen Gedanken quasi hineingeschrieben, so dass ein gänzlich neuer Text entsteht. In der Klanginstallation wird der Text mit seiner Paraphrasierung als Grundmaterial wie in der Musik verwendet: Dort hat die abendländische Musik zwölf chromatische Töne zur Verfügung, aus denen 2.000 Jahre lang die Komponisten alle ihre Meisterwerke schufen. Und in der künstlerischen Umsetzung und klanglichen Realisierung setzt nun die Arbeit von Clara Oppel ein, die diesen Text durch vier Sprecher (2 w., 2 m.) in eine Partitur setzt, ihn in Bestandteile und Motive zerlegt, die nicht linear einstimmig und zielgerichtet auf Inhalt und dessen Verständnis und Verstehen ausgerichtet sind. Denn nur das wäre keine kunstvolle Klanginstallation.
Durch Umschichtung und Überlagerung wird dieser Text polyphon, mehrschichtig, mehrdimensional und damit auf einer anderen Ebene erlebbar – nicht unbedingt (rational) nachvollziehbar.
Man erlebt Sprache als Klang und ergibt sich der Musik der Worte, ihrer Sprachmelodie und ihrem Sprachrhythmus. Es entsteht Lautpoesie, die sich eng an den Text hält, ihn aber auf- und unterbricht und auf 400 kleine Lautsprecher wiederum auf vier Flächen verteilt: nacheinander, hintereinander und gleichzeitig.
Der Text – sein Klang – wandert dabei von rechts vorn im Uhrzeigersinn nach rechts hinten und überkreuzt sich zwischendurch. So entsteht vielleicht die Dimension eines Text-Klang-Erlebnisses, das sich aus dem Samenkorn des einzelnen Wortes zum Baum des Hörens, Erlebens, Verstehens und Erkennens entfaltet.
In zoroastrischen Texten wird erzählt, das Wesen, der Vogel Simurgh sitze auf dem Baum aller Samen, dem Saena-Baum, und bewirke durch Flügelschlagen, dass die Samen ausgestreut werden, woraufhin sie durch Wind und Regen auf der Erde verbreitet würden.
Vielleicht kann man abschließend auch einfach nur sagen, dass Text, Sprache und Klang hier am Boden des Spitäle in Fluss geraten und, durch kunstvolle, komplizierte Kanäle geleitet, am Ende in ein ästhetisches Erlebnis münden.